Dies ist die Erzählung von einer vollkommen unkomplizierten, wundervollen Geburt. Ich weiß, dass dieses Glück nicht alle Mütter haben, aber Falls du gerade schwanger bist, dann wünsche ich dir genau dieses Glück. Warum auch nicht? Warum solltest du nicht auch dieses Glück haben?

Der Errechnete Geburtstermin meiner Tochter war der 09.09.2016

 

Ich mochte dieses Datum, hatte den Termin immer wieder vor Augen, als sei er in Stein gemeißelt. Am 01.09. habe ich Geburtstag. Ich war froh, dass sie mir den Tag gelassen hat, denn danach hatte ich das erste mal Senkwehen. Meine Hebamme hatte schon ein paar mal gesagt, dass das Kind zu der Zeit nicht vollständig im Becken saß und riet mir, im Vierfüßler durch die Wohnung zu krabbeln. Das tat ich. Jeden Tag.

Am 03.09. bemerkte ich schon Abends die Wehen. Zu dem Zeitpunkt konnte ich überhaupt nicht einschätzen, ob das wirklich Wehen gewesen sind. Heute weiß ich es besser. Es war unregelmäßig, mal mehr, mal weniger, aber es waren Wehen. Ich sagte an dem Abend, als meine Eltern, mein Freund und ich alle beisammen saßen: „Ich hab im Gefühl, dass es bald losgeht!“. Mein Freund nahm das überhaupt nicht ernst, war doch das Datum für ihn innerlich ebenso in Stein gemeißelt. „Das kann gar nicht sein, die kommt erst am 09.09.“ Ich wachte die Nacht immer wieder auf, denn die Schmerzen wurden heftiger. Ich konnte aber noch alles ganz normal machen und musste noch nicht veratmen oder so.

Aus dem Kurs wusste ich, dass bei Wehen, bei denen man sich noch unterhalten kann, kein Kind kommt. Ebenso bei heftigen Wehen, die alle 10 Minuten nur kommen. Bei mir war es an dem Morgen unterschiedlich, mal 10, mal 7 Minuten. Ich hielt mich in jeder Sekunde an die Tipps aus dem Geburtsvorbereitungskurs. Wie im Wahn spielte ich alles immer wieder im Kopf ab. Ich backte tatsächlich an diesem Morgen einen Kuchen, putzte die ganze Wohnung und ging noch mal duschen. Dann entschieden wir, mal ins Krankenhaus zu fahren.

„Und wenn die uns wieder nach Hause schicken – ist doch egal! Dann weiß ich wenigstens diese Schmerzen einzuordnen!“ Hab ich noch gesagt. Bei der Entbindungsstation angekommen schickte die Hebamme uns in den Kreißsaal, erstmal eine halbe Stunde CTG schreiben. Ich hatte fast Angst, dass währenddessen die Schmerzen aufhörten. Nicht weil ich unbedingt jetzt entbinden wollte, aber weil ich wissen wollte, ob das Wehen sind oder nicht. „Ja das sind Wehen! Sie können sich direkt hier im Kreißsaal einrichten, das wird ihrer. Gehen sie spazieren, dann bitte nachher unten was essen gehen, zeigen Sie das Bändchen hier, machen sie sich einen schönen Tag, wenn es sehr viel stärker wird oder die Fruchtblase platzt, kommen sie hier hin, ansonsten um 14:00 nächstes CTG.“ Es war 09:00!!

Was macht man den ganzen Tag im Krankenhaus?

 

Ich bekam einen Zugang gelegt und dann brachen wir auf.. Das Krankenhaus unsicher machen! Juhu. Ich rief meine Schwester an, denn sie wollte ich unbedingt auch dabei haben. Ich weiß, das ist eigenartig. Die meisten Frauen haben nur ihren Partner bei der Geburt dabei, aber ich hatte mehr Angst davor, dass das Ganze 48 Stunden dauert, Markus nicht mehr weiß, was er zu mir sagen kann, wie er mir helfen kann, übermüdet ist und eigentlich eine rauchen will und ihn das so überfordert, dass ich mich nachher um ihn kümmern muss, als vor der eigentlichen Geburt. Zu dritt kann man sich immer unterhalten, es kann auch mal einer ohne schlechtes Gewissen n Kaffee holen oder eben vor die Tür gehen und meine Schwester ist auf der einen Seite eben mein vertrautester Mensch und auf der anderen Seite noch dazu Altenpflegerin. Da ist mir nix peinlich. Meine Schwester kam, wir fuhren noch zu Mc Donalds einen Kaffee trinken und später kamen meine Eltern, wir aßen in der Cafeteria Mittag. Die Wehen wurden von Stunde zu Stunde deutlich stärker. Beim Mittagessen musste ich schon aufstehen und mich am Tisch abstützen, um die Wehen auszuhalten. Trotzdem gingen wir immer wieder die Treppe. „Wie du mit dem Bauch und Wehen ins 4. Stockwerk hochsprintest.. Ich bin mehr im Arsch als du!“ Sagte meine Schwester noch. Ich konnte es mir auch nicht erklären. In meinem Kopf passierten komische Dinge. Wie Zwangsneurosen. „Ich schaff jetzt die Treppe bevor die nächste Wehe losgeht“ oder so ähnlich.

14:00 an der Entbindungsstation traf uns der Schlag. Zwei Frauen hingen im Flur am CTG. Scheinbar wollten alle Kinder der Umgebung heute kommen?! Peinlich berührt huschten wir an den armen Frauen vorbei in unseren großen Kreißsaal. Gottseidank waren wir zuerst da dachte ich noch. Wir machten uns den Kreißsaal nett, packten den Laptop aus und schauten uns Doctors Diary an. Irgendwann versuchte mein unmöglicher Freund, Das Deutschlandspiel über sein Handy per Hotspot an den Laptop zu kriegen, da wir leider das Wlan Passwort für mein Handy benutzt hatten und es nur einmal pro Patient benutzt werden konnte. Über einen russischen Stream klappte das dann tatsächlich. Bei den Wehen musste er mittlerweile meinen Rücken mit kreisenden Bewegungen massieren, damit ich klar kam.

So ging das den halben Tag

 

Der Muttermund war so um 14:00 bei 2 cm. So um 17:00 konnte ich die Schmerzen langsam nicht mehr gut ertragen und wollte mal die Badewanne ausprobieren. Leider entspannte mich das nur kurz, schnell wurden die Wehen noch heftiger. Um 18:00 Uhr war dann mein Tiefpunkt. Die Wehen waren seit 2 Stunden kaum noch zu ertragen und als die Hebamme sagte „immernoch bei 2 cm!“ Konnte ich nicht mehr. Ich hatte alles aus dem Geburtsvorbereitungskurs im Kopf „pro Stunde ein cm“ ja scheiße! 4 Stunden starke Schmerzen hatten gar nix gebracht!! 😖 ich weiß nicht, was gewesen wäre, wenn die Hebamme um 18:00 gesagt hätte 6 cm. Weiß ich wirklich nicht. Aber dadurch, dass diese Stundenlangen Schmerzen umsonst waren fing ich an, vor überforderung zu weinen. Weder meine Schwester, noch mein Freund konnten es ertragen, dies zu sehen und so waren wir alle irgendwie fertig. Von da an kamen die Wehen minütlich. Die Hebamme sagte „Das hat so wenig Sinn! Sie verkrampfen sich weil sie keine Zeit zum Krafttanken haben, da geht der Muttermund nicht auf! Haben sie schonmal an eine PDA gedacht?“ Das hatte ich natürlich im Hinterkopf.. Dass es eine Möglichkeit gibt, dass die Schmerzen aufhören. Eigentlich wollte ich es nicht, weil ich panische Angst vor der Spritze im Rücken hatte aber wie meine Hebamme im Kurs schon sagte „es gibt 1. Bei jeder Geburt den Moment, wo die Frau sagt „Schluss, vorbei, ich will nicht mehr! pda! Kaiserschnitt!! Mir egal!“ Und 2. einfach Geburten, wo es ohne PDA nicht weitergeht. Nämlich genau dann, wenn starke Wehen auf einen total harten, geschlossenen Muttermund prallen und die Frau nicht mehr kann.“

Ja. Das klingt nach mir.

Die PDA wurde mir unter Wehenhemmern gesetzt weil ich ja pausenlos starke Wehen hatte und still sitzen musste. Der Arzt dafür war sofort da. Leider war der Arzt son ganz Lustiger, und sagte „es kann zu einer Querrschnitslähmung kommen, aber das ist relativ selten!“ Im Nachhinein sagte er mir, dass das irgendwann mal bei einem, der das wahrscheinlich nicht konnte, vorgekommen ist und deswegen erwähnt werden muss. Dass er das in 40 Jahren im Krankenhaus aber noch nie irgendwo gehört hat und eine PDA absolut zur Routine gehört. Trotzdem. Ich saß gebückt auf dem Kreißbett, nach vorne gelehnt und schaute zitternd auf meine tanzenden Zehenspitzen um sicher zu gehen, dass ich nicht Querrschnitsgelähmt bin.

Die PDA war das beste, was ich in meiner Situation machen konnte.

 

Mein Schwester und mein Freund waren fix und fertig nach dieser Phase. Erschöpft, angeschlagen und irgendwie wie unter Schock. Mir ging es super. Ein bisschen wie auf Drogen. Naja man kann sich nach 24 Std Wehen, wenn man das erste mal dann plötzlich Schmerzfrei ist ja auch mal ein bisschen berauscht fühlen. Mir wurde gesagt, das Mittel sei dasselbe wie beim Zahnarzt die Betäubung. Und so kann man sich das auch vorstellen. Man kann sich am Oberschenkel kneifen, ohne dass es wehtut.

Es kam die dritte Hebamme. Diese war klein, etwa Mitte 40, kurze Haare, Brille, wortkarg aber irgendwie sehr sehr kompetent. Ich hab sie gefragt, wann der Muttermund wieder gemessen wird „schauen wir mal, für sie machts ja jetzt erstmal keinen Unterschied, ob der bei 6 oder 8 cm liegt!“ Die Zeit ging in der Phase irgendwie gar nicht rum. Ich schlief mal ne halbe Stunde, wir schauten wortlos nochmal Doctors Diary. Die PDA wurde mehrmals nachgespritzt weil die Wehen zurückkamen. So um 11 muss es gewesen sein, die Fruchtblase platzte, die PDA war gerade nachgespritzt worden, ich hatte keine Schmerzen, aber das Gefühl, ich müsste dringend aufs Klo. Ich fragte die Hebamme ob ich gehen kann, sie sagte „warten Sie, ich guck mal erst wo das Kind ist!“ Sie schaute nach und irgendwie wusste ich genau, dass sie das sagen würde

„Sie müssen nicht aufs Klo! Das ist ihr Kind!“

 

Alles, was ich im Vorbereitungskurs gelernt hatte ging mir durch den Kopf. Meine Hebamme hatte uns prophezeit, dass wir das alles im Ernstfall ohnehin vergessen. Bei mir war das irgendwie anders. Ich musste mich auf irgendwas konzentrieren.

„Die liegeposition ist die zweitschlechteste Geburtsposition, direkt nach dem Kopfstand. Keiner weiß, warum das immernoch die häufigste Geburtshaltung ist, wenn es möglich ist, nutzt die Schwerkraft!“

Hatte meine Hebamme gesagt. Und „wer sein Kind liebt, der schiebt! Nicht in Hyperventilation verfallen sondern lange ausatmen und dabei schieben“.

Ich bat darum, das Bett auf der einen Seite komplett hochzufahren, im 90 Grad winkel. An dem Senkrechten Teil hielt ich mich im vierfüßler dann fest. Und an Markus, der dahinter stand und dem ich laut ihm mindestens einen Finger gebrochen hab. Ich presste bzw „schob“ also, als die Hebamme es sagte. Ich wartete auf irgendeinen Schmerz, aber es kam keiner. Die PDA war noch so perfekt dosiert, dass ich den Druck fühlte, den Schmerz aber nicht! Als ich das verstand konnte ich all meine letzte Kraft nochmal mobilisieren. Mein Gedanke war „das muss jetzt passieren, bevor die PDA nachlässt!!“ Ich hörte gar nicht mehr auf die Hebamme, was das pressen anging und machte einfach nach Gefühl. Irgendwann sagte sie „fühlen Sie mal!“ Und ich konnte es kaum glauben.

Ohne Ende Haare!

 

Ich dachte daran kein Hohlkreuz zu machen, sondern das Becken nach vorne zu kippen, so wie wir das gelernt haten. Das ganze dauerte 3 Presswehen, da konnte ich meine Tochter unter mich fallen sehen.

Das war am 05.09.2016 um 00:16 Nicht verschmiert, nicht zerknauscht, einfach nur schön und perfekt. (Das Bild ist unmittelbar nach der Geburt entstanden, ich glaube da war sogar die Nabelschnur noch dran.) vorsichtig begannen mein Freund und ich, sie anzufassen, zu streicheln, zu küssen. Sie schrie nicht, schaute uns nur ganu erstaunt mit ihren riesen Augen an. Als die Hebamme sie bewegte, schrie sie kurz aber danach war auch wieder gut.

Irgendwann schnitt mein Freund die Nabelschnur durch und wir bewunderten unsere süße Tochter.

IMG_0523
Direkt nach der Geburt

 

„Du bist also in den Genuss einer schmerzfreien Geburt gekommen!“, sagte meine Hebamme im Nachhinein.

Schmerzfrei würde ich 24 Stunden Wehen jetzt nicht nennen, aber ja, ich weiß ja was sie meint. Ich hatte eine schmerzfreie Geburt. Eine wunderschöne, selbst bestimmte Geburt. Ich konnte meine Tochter quasi aus mir herausfallen sehen. Und ich bin der erste Mensch, den sie angesehen hat.

Das ganze ist jetzt fast ein Jahr her, aber ich denke unglaublich gerne zurück an den Tag. So kann es eben auch sein, mit ein bisschen Glück.

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